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Wo sind die Jungen in den Bündner Gemeinde­vorständen?

Die Studie PROMO 35 der HTW Chur kommt zum Schluss: 50 Prozent der Bündner Gemeinden haben erhebliche Mühe, ihre Gemeindevorstände zu besetzen.

Es erstaunt deshalb nicht, dass einzelne Gemeinden lange auf der Suche nach geeigneten Kandidierenden sind. Das jüngste Beispiel von Thusis zeigt dies deutlich, wo eine Nachwahl notwendig wurde. Noch schwieriger ist es, junge Erwachsene für die Gemeindepolitik zu begeistern. So geben rund 86 Prozent der Gemeinden in Graubünden an, Schwierigkeiten zu haben junge Erwachsene für ein Amt zu finden. Dies ist problematisch, weil gerade diese Generation stärker eingebunden werden müsste, um den demografisch bedingten Rückzug der Babyboomer-Generation aus der Politik abzufedern.

Den Bündner Gemeinden droht heute noch kein akuter Personalnotstand und die Gemeindebehörden können irgendwie besetzt werden. Trotzdem sollte die heutige Lage nicht verkannt werden. Von den 60 befragten Bündner Gemeinden hatten in der laufenden Legislatur gerade mal 17 ein einziges Mitglied unter 35 Jahren in ihrem Gemeindevorstand – alle anderen keines. Eine Erkenntnis aus der Studie macht hingegen Mut: In unserer Befragung unter 1000 jungen Erwachsenen zwischen 25 und 35 Jahren zeigen rund 20 Prozent Interesse an einem politischen Amt in der Gemeinde. Sie wurden aber selten bis nie angefragt. Auch wenn diese Zahl in Wirklichkeit wohl etwas tiefer sein dürfte, deutet sie auf erhebliches Potenzial hin. Dieses gilt es zukünftig in den Bündner Gemeinden besser zu nutzen. So werden wir alle nicht darum herumkommen, uns der aktuellen Diskussion um die Weiterentwicklung der Milizämter zu stellen – sofern wir nach wie vor ein starkes Milizsystem wollen, frei nach dem Prinzip «von Bürgern für Bürger».

Dazu müssen die Gemeindevorstände erstens unsere Wertschätzung erfahren. Auch wenn nicht jeder Entscheid zu goutieren ist und inhaltliche Diskussionen teilweise schwierig sind, sollte der Respekt nicht fehlen. Gemeindevorstände setzen sich in erster Linie für die Gemeinschaft ein – und das oft mit viel Engagement in der Freizeit. Denn gerade junge Erwachsene suchen ein motivierendes und inspirierendes Arbeitsumfeld. Zweitens muss die Rekrutierung strategisch angegangen werden, indem junge Erwachsene persönlich angesprochen und politische Ämter aktiv beworben werden. Eine Informationsbroschüre alleine reicht nicht. Oft geht vergessen, dass die Suche nach geeigneten, jungen Kandidierenden eine Gemeinschaftsaufgabe ist und nicht den Parteien allein überlassen werden kann. Denn letztlich sind wir alle für eine ausreichende Besetzung unserer Gemeindebehörden verantwortlich – wir profitieren alle davon. Drittens müssen die Gemeindeämter den heutigen Rahmenbedingungen angepasst werden. Hier können beispielsweise moderne Kommunikationstechnologien helfen, Sitzungen des Gemeindevorstands zeit- und ortsunabhängiger zu machen und damit das Amt besser mit Beruf und Familie zu vereinbaren. Schliesslich ist den Gemeindevorständen auch ein angemessener Gestaltungsspielraum zuzusichern. Wird der Gemeindevorstand zu einer reinen Vollzugsbehörde, die keine eigenen Projekte entwickeln und Ideen umsetzen kann, bleiben auch in Zukunft die Jungen der Gemeindepolitik fern. Denn für sie gilt: Nichts ist motivierender als die eigene Zukunft zu gestalten.

 

Die Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur teilt alle drei Wochen Wissen für die «Studierecke» der Schweiz.

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