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Lebensraum Graubünden nachhaltig entwickeln

Wenn ich in den Spiegel schaue, erinnert mich ein Sonnenfleck an ein überraschendes Bad im Caumasee an Auffahrt vor mehr als 20 Jahren.

Mit unseren beiden Söhnen verbrachten wir ein verlängertes Wochenende in der Ferienwohnung der Schwiegereltern – Zürcher Mittelstand – in Flims. Das wunderbare Wetter – der Klimawandel warf die ersten Sonnenstrahlen voraus – überraschte uns und wir badeten einsam im wunderbaren Caumaseeidyll.

Die Ferienwohnung ist inzwischen verkauft, im Gegensatz zu vielen, die leer stehen und nach einer Rückführung in den Vermietungsmarkt rufen. Flims hat einen Zweitwohnungsanteil von rund 70 Prozent. Neue Vermietungs- und Renovierungskonzepte machen daraus hoffentlich bald warme Betten (z.B. das Projekt Renorent). Die Söhne sind gross und verbringen die Ferien lieber auf den Philippinen oder bei einem Workaway in Schweden. Flims haben sie immer noch gerne für eine Stippvisite bei den Eltern. Denn da wohnen wir nun, ja wir arbeiten da, wo andere Ferien machen. Die Grenzen zwischen Arbeiten, Leben und Ferien verschieben sich, multilokale Lebenskonzepte machen aus Gästen Zweitheimische, das Internet ermöglicht Arbeit an vormals «dezentralen» Orten und Co-working Spaces wie das Galaaxy inspirieren uns bei der Arbeit.

So machen wir uns nun als neue Einheimische wieder auf den Weg zum Caumasee, weit weniger einsam als vor 20 Jahren, denn langsam beginnt sich der Sommertourismus dank vieler Produktentwicklungen positiv zu entwickeln. Und wenn ich damals noch fasziniert versuchte herauszufinden aus welchen Sprachen Rätoromanisch besteht, begegnet uns heute ein ganz anderes, vielfältiges Sprachengemisch, u. a. neben Englisch, Französisch, Italienisch auch Russisch, Arabisch, Chinesisch und zum Glück für den Tourismus immer noch Deutsch. Ein indisches Pärchen mit Kinderwagen fragt uns nach dem Weg zum Caumasee. Kurzerhand begleiten wir sie. Die Logik der uns so vertrauten gelben Wanderwegzeichen erschliesst sich «nicht alpin sozialisierten» Menschen doch nicht so einfach. Wenn es keine hilfsbereiten Dorfbewohnerinnen und -bewohner sind, dann wird die Digitalisierung mit einer App den Gästen den Weg weisen. Immer wieder schiessen die Gäste dann vom Seilbahnhäuschen herab vor dem türkisfarbenen See ein Selfie, das Seeidyll und die persönliche Trophäe verbreiten sich viral im Netz. Digitales Marketing übernimmt heute der Gast.

Die wirtschaftlich und kulturell spannende Mischung von Gästen spiegelt sich in den statistisch erhobenen Logiernächten in Hotel-und Kurbetrieben. Im Sommer 2017 verzeichnete Graubünden 1`369`000 Logiernächte von Gästen aus der Schweiz, 325`000 aus Deutschland, 57`149 aus England, 41`380 aus Italien, 21`794 aus Frankreich, 4`534 aus Russland, 33`226 aus China, 7`172 aus Indien sowie 86`531 aus anderen Ländern. Obwohl Graubünden im Vergleich zur Gesamtschweiz am wenigsten chinesische Gäste hat, ist Wachstum erkennbar. Und wir wünschen uns noch mehr Gäste aus Asien, die die ausbleibenden Europäer ersetzen sollen.

Werden sie wohl als Tagesgäste das UNESCO-Welterbe besuchen, wenn eine neue Bergbahn realisiert wird? Werden sie das Stennazentrum füllen? Ein grosser Gebäudekomplex, mit Hotel, Ferienwohnungen, Einkaufsfläche und Kindercity, der sich zum Glück in den toten Raum über dem alten Parkhaus einfügt. Wird er eine Bereicherung und neuer Treffpunkt für das Dorf und bringt ein Stück Urbanität? Erleben wir weiterhin ein belebtes Dorfzentrum und authentisches Ortsbild?

An einem verregneten Samstag (endlich Regen!) informiere ich mich in meiner Inside Laax App über Events. «Hi Tourist», begrüsst sie mich. Englisch – unsere neue touristische Lingua Franca in Graubünden? Das musikalische «Flimsfestival» bietet Strassenkonzerte an. Wir bummeln durch die dank der Umfahrung ruhige Dorfstrasse und geniessen mit Einheimischen und Gästen die musikalischen Darbietungen vor dem ansprechenden Ortsbild. Schön, dass die beiden Stallfassaden vor dem Coop erhalten blieben. Die Gemeinde Flims liess ein Baumemorandum als Orientierungshilfe für die Weiterentwicklung des Ortbildes erstellen. So erleben wir an diesem Wochenende tatsächlich die Strasse als Lebensraum. So könnte die Geschichte weitergehen, nicht nur ökonomisch und ökologisch, sondern auch sozial nachhaltig.

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